Einfache Einführung
Damit dein Mercedes-Motor sauber läuft, muss das Verhältnis von Luft und Kraftstoff stimmen. Nicht zu viel, nicht zu wenig – genau richtig.
Die KE-Jetronic hat dafür ein cleveres Helferlein: das EHS (Elektrohydraulische Stellglied). Dieses wird vom Steuergerät ständig mit elektrischen Impulsen angesteuert. Die Art, wie diese Impulse getaktet sind, nennt man Tastverhältnis.
👉 Kurz gesagt: Das Tastverhältnis zeigt, wie das Steuergerät gerade das EHS ansteuert – und damit, ob es das Gemisch anfetten oder abmagern will.

Für uns Schrauber ist das perfekt, denn mit einer einfachen Messung am Diagnosestecker X11 im Motorraum können wir sehen, was das Steuergerät denkt. So erkennt man, ob die Regelung funktioniert oder ob Fehler wie Falschluft, defekte Sensoren oder falsches Grundgemisch vorliegen.

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Technischer Hintergrund
Das Tastverhältnis ist ein Rechtecksignal, das in Prozent angegeben wird.
Mercedes definiert es als Anteil der Aus-Zeit (off-time) pro Zyklus.
• 50 % = Signal ist halb an, halb aus → idealer Wert.
• Werte deutlich darüber oder darunter zeigen, wie das Steuergerät gegensteuert:
• Hoher Prozentwert = Motor läuft mager, Steuergerät fettet an.
• Niedriger Prozentwert = Motor läuft fett, Steuergerät magert ab.
Gemessen wird an der Diagnosebuchse X11:
• Pin 2 = Masse
• Pin 3 = Signal für Tastverhältnis

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Typische Tastverhältnis-Werte
Tastverhältnis (in %) Bedeutung
50 % (pendelnd) Lambdaregelung aktiv, Gemisch stimmt (stöchiometrisch, Lambda = 1)
~70 % Motor läuft mager → Steuergerät fettet an
~30 % Motor läuft fett → Steuergerät magert ab
85 % Speziell bei US-/Kalifornien-Versionen als Diagnosewert
~50 % konstant Keine Regelung aktiv (z. B. Motor kalt, Lambdasonde defekt, Notlauf)
100 % oder 0 % Fehler oder Kurzschluss im System, keine gültige Regelung
👉 Wichtig: Im normalen Betrieb bei warmem Motor sollte das Tastverhältnis ständig um 50 % pendeln. Ein fester Wert deutet fast immer auf einen Fehler hin.
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Welche Hardware benötigt man?
Zum Messen des Tastverhältnisses braucht man kein modernes Diagnosegerät. Mercedes hat die X11-Buchse bewusst so ausgelegt, dass man mit einfachen Werkstattmitteln arbeiten kann:
• Schließwinkelmesser (Dwell-Meter):
Ursprünglich für Zündungskontrolle gedacht, kann er auch das Tastverhältnis anzeigen. Man verwendet die 4-Zylinder-Skala. Ein Wert von 45° entspricht 50 % Tastverhältnis.
• Multimeter mit Duty-Cycle-Funktion:
Viele moderne Multimeter können direkt Prozentwerte anzeigen. Wichtig ist, dass sie den „Aus-Zeit“-Anteil messen – sonst muss man die Anzeige ggf. umrechnen (100 – Anzeige).
- Multimeter mit Spannungsmessung (Notlösung):
Misst man Gleichspannung, erhält man den Mittelwert des Signals. Daraus lässt sich das Tastverhältnis berechnen:
Tastverhältnis\,(in \%) = \left( 1 – \frac{U_{mess}}{U_{Batterie}} \right) \times 100
Beispiel: Batteriespannung 13,8 V, gemessene Durchschnittsspannung 6,9 V → 50 %.
• Oszilloskop:
Ideal für eine exakte Darstellung des Signals. Damit sieht man die Rechteckspannung direkt und kann die Zeiten präzise ablesen.
• Spezielle Mercedes-Testgeräte (z. B. HHT oder alte Werkstatttester):
In Profihänden komfortabel, für die Garage aber nicht zwingend nötig.
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Schritt-für-Schritt Messung
1. Motor warmfahren (Betriebstemperatur > 80 °C).
2. Alle Verbraucher ausschalten (Licht, Lüftung, Heckscheibenheizung).
3. Schließwinkelmesser/Multimeter anschließen:
• Plus an Pin 3 (Signal), Minus an Pin 2 (Masse) der X11-Buchse.

4. Motor im Leerlauf laufen lassen:
• Erwartung: Pendeln um 50 %.
• Abweichungen → siehe Tabelle oben.
5. Gasstöße geben und beobachten, ob das Tastverhältnis sauber zurückkehrt.
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Vergleichstabelle Tastverhältnis – Schließwinkel – Spannung
Tastverhältnis (%) Schließwinkel (° auf 4-Zylinder-Skala) Durchschnittsspannung bei 13,8 V (V) Bedeutung im Betrieb
0 % 0° 13,8 V Signal ständig aus → Fehler/Kurzschluss
30 % ca. 27° 9,7 V Motor läuft fett, Steuergerät magert ab
50 % 45° 6,9 V Idealwert, Lambdaregelung aktiv (pendelnd)
70 % ca. 63° 4,1 V Motor läuft mager, Steuergerät fettet an
85 % ca. 76° 2,1 V Diagnosewert (z. B. US-/Kalifornien-Version)
100 % 90° 0 V Signal ständig an → Fehler/Kurzschluss
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Mercedes-Modelle mit KE-Jetronic
Die KE-Jetronic war bei Mercedes von Anfang der 80er bis Mitte der 90er Jahre im Einsatz. Hier ein Überblick:
W201 – 190er (190E):
• 190E 1.8 – M102.910
• 190E 2.0 – M102.962
• 190E 2.3 – M102.985
• 190E 2.6 – M103
• 190E 2.3-16 / 2.5-16 – M102.983 / .990/.991/.992
W124 – E-Klasse:
• 200E / 200TE – M102.963
• 230E / 230CE / 230TE – M102.982
• 260E – M103.940
• 300E / 300TE – M103.983
• 300E-24 / 300CE-24 / 300TE-24 – M104.980
W126 / C126 – S-Klasse und SEC:
• 260SE – M103
• 300SE/SEL – M103.980
• 420SE/SEL/SEC – M116
• 500SE/SEL/SEC – M117
• 560SEL/SEC – M117.968
R107 – SL (späte Baujahre):
• 300SL – M103.982
• 420SL/500SL – M116/M117
• 560SL – M117
R129 – SL (frühe Modelle):
• 300SL-24 – M104.98x
G-Klasse:
• 200GE – M102.964
• 300GE – M103.987
Glossar – wichtige Fachbegriffe
Tastverhältnis (Duty Cycle):
Zeigt an, wie lange ein Signal an- oder ausgeschaltet ist. Bei der KE-Jetronic ist es die Anzeige, wie das Steuergerät das Gemisch korrigiert.
EHS (Elektrohydraulisches Stellglied):
Bauteil, das mit Strom angesteuert wird und den Kraftstoffdruck in der KE-Jetronic feinregelt.
X11-Diagnosedose:
Runde 9-polige Steckbuchse im Motorraum, an der man Messgeräte anschließen kann.

Lambda (λ):
Kennzahl für das Luft-Kraftstoff-Verhältnis. Lambda = 1 heißt ideales Verhältnis (14,7:1).
Lambdaregelung:
Elektronische Anpassung des Gemischs anhand der Abgaswerte.
Schließwinkel / Schließwinkelmesser:
Messgröße aus der Zündungstechnik. Bei der KE-Jetronic benutzt man die 4-Zylinder-Skala, um das Tastverhältnis abzulesen.
Duty Cycle (engl.):
Englischer Begriff für Tastverhältnis, oft so in Messgeräten angezeigt.
Falschluft:
Unkontrollierte Luft, die hinter dem Luftmengenmesser in den Motor gelangt.
Notlauf:
Notprogramm des Steuergeräts, wenn ein Sensor defekt ist. Motor läuft, aber nicht optimal.
Stöchiometrisch:
Begriff für das ideale Luft-Kraftstoff-Gemisch, bei Benzin etwa 14,7 Teile Luft zu 1 Teil Kraftstoff
